Wissenschaft

Wissenschaft
科学

Wissenschaft / 科学

Wissenschaft / 科学

Kurzgefasst

Internationale Definitionen von Wissenschaft und insbesondere Naturwissenschaft konzentrieren sich häufig auf das Studium der natürlichen Welt durch unvoreingenommene Beobachtungen und überprüfbare Experimente. Im Diskurs der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) hat das Wort „Wissenschaft“ eine komplexere und vielschichtige Bedeutung. Einerseits wird Wissenschaft als Disziplin, die sich systematisch mit der Erforschung der natürlichen Welt befasst, als der entscheidende Faktor für die nationale Entwicklung angesehen, der Wirtschaftswachstum und Unabhängigkeit fördert. Andererseits sind die Vorstellungen von Wissenschaftlichkeit mit dem politischen Deutungsanspruch der „Wahrheit“ als Quelle politischer Macht verwoben.

Seit der Zeit Maos sind Politik und Wissenschaft eng miteinander verknüpft, wofür die Sowjetunion als Inspiration diente. Heute zeigt es sich in der Forderung der Partei „politisch zu sprechen“ – sprich: im Sinne der Politik. Dies hat zur Folge, dass sich Entscheidungsträger:innen über wissenschaftliche Empfehlungen hinwegsetzen, wie in den ersten Tagen des COVID-Ausbruchs in Wuhan; oder, dass politische Erziehung, welche die Errungenschaften der Partei betont, in naturwissenschaftliche Unterrichtsmaterialien aufgenommen wird. Verweise auf „wissenschaftliche“ Politikgestaltung sind heute im gesamten Diskurs der KPCh zu finden – ein Anspruch auf die grundsätzliche Richtigkeit und Rationalität sämtlicher Handlungen der Partei.

Analyse

Der Sturz der Qing-Dynastie im Jahr 1911 leitete eine Welle der Selbstanalyse und des Insichgehens über Chinas Zukunft ein. In einem Artikel in der Zeitschrift Neue Jugend personifizierte der spätere Mitbegründer der KPCh Chen Duxiu im Januar 1919 Chinas Hoffnungen auf eine Erneuerung mit „Herrn Demokratie“ und „Herrn Wissenschaft“. Nur diese „zwei Herren“, so schrieb er, könnten China „vor politischer, moralischer, akademischer und intellektueller Dunkelheit“ retten und das Land von ausländischen Aggressoren und kolonialer Besetzung befreien. Die Hinwendung zu den Naturwissenschaften bedeutete, sich vom alten Aberglauben abzuwenden und ein Projekt zur Stärkung der Nation in Angriff zu nehmen.

Seit der Gründung der KPCh im Jahr 1921 war die Parteiführung bestrebt, Wissenschaft und Modernität für sich zu beanspruchen. In Anlehnung an sowjetische Schriften sahen KPCh-Theoretiker die Einführung der materialistischen Philosophie des Marxismus in China als einen Moment der „wissenschaftlichen“ Abrechnung, in dem „chinesische Kommunisten begannen, ein wissenschaftlicheres Verständnis vieler grundlegender Fragen der chinesischen Revolution und Gesellschaft zu entwickeln“. In den 1950er Jahren stellte die KPCh klar, dass die Hauptaufgabe der Wissenschaftler:innen darin bestehen sollte, „dem Volk zu dienen“ und vor den Feinden des Volkes auf der Hut zu sein.

Zu Beginn der wirtschaftlichen Reform- und Öffnungsphase in den 1980er Jahren wurde erneut ein Schwerpunkt auf die wissenschaftliche Entwicklung gelegt. China konzentrierte sich auf den Erwerb ausländischer Technologien, wobei das Tempo der Technologieimporte drastisch zunahm. Auch chinesische Auslandsstudierende trugen seit den 1980er Jahren zum Aufbau des chinesischen Wissenschaftssystems bei.  Diese Entwicklungen nahmen in den 1990er Jahren an Fahrt auf, da die Naturwissenschaften als entscheidend für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung und das nationale Prestige angesehen wurden. Dennoch blieb die Vorstellung vom „wissenschaftlichen Geist“ als Merkmal der marxistischen Politik der KPCh neben den tatsächlichen Fortschritten in der Wissenschaft bestehen und kennzeichnete den Anspruch der Partei auf praktische und volksnahe politische Antworten. Eines der markantesten Beispiele der Reformära war das „wissenschaftliche Entwicklungskonzept“ (科学发展观), ein Schlagwort, das Anfang der 2000er Jahre von Präsident Hu Jintao eingeführt worden war und im Wesentlichen die Notwendigkeit einer ausgewogeneren Entwicklung umriss.

Unter Xi Jinping wurden Chinas Fortschritte als „Wissenschaftsmacht“ weiter vorangetrieben. Chinas 14. Fünfjahresplan (2021-2025) stellt Wissenschaft und Technologie in den Mittelpunkt der nationalen Prioritäten, wobei Xi verspricht, China zum „wichtigsten Zentrum der Welt“ für Wissenschaft und Innovation zu machen. Aber auch die Verquickung des Wissenschaftlichen und des Politischen setzt sich fort. Ende 2019, als die ersten Coronafälle in der Stadt Wuhan auftraten, wurden dortige Ärzte gemaßregelt, weil sie in privaten Chatgruppen Alarm geschlagen hatten, und angewiesen, sie müssten „politisch sprechen und wissenschaftlich sprechen“. Das medizinische Personal angehalten, keine Informationen an die Öffentlichkeit weiterzugeben, wodurch eine konzertierte nationale und globale Reaktion um viele Wochen verzögert wurde. Zu Beginn der Pandemie schränkte China zudem die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen über den Ursprung des neuartigen Coronavirus ein und hat damit die Politik über die Wissenschaft gestellt.

Unter Xi hat sich die Redewendung „politisch sprechen“ erheblich Konjunktur bekommen, wodurch die Notwendigkeit des Gehorsams gegenüber der Partei und ihren Vorrechten hervorgehoben wird. Desgleichen wurde in den letzten Jahren im naturwissenschaftlichen Unterricht auch immer mehr Wert darauf gelegt, Chinas Jugend ideologisch und politisch zu indoktrinieren. In einem neueren Lehrbuch für Biologie werden die Lehrkräfte beispielsweise angewiesen, eine Diskussion über „rote Gene“ – ein Verweis auf das politische und historische Erbe der KPCh – in eine Lektion über Genetik einzubauen.