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Reziprozität
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Reziprozität
Kurzgefasst Reziprozität – also der Grundsatz der Gegenseitigkeit – ist eine soziale Norm und ein zentrales Prinzip in den internationalen Beziehungen, der Diplomatie, im Handel und im Recht. Gemeint ist damit im Kern, dass Handlungen anderer in gleicher Weise erwidert werden. Ihre Bedeutung variiert jedoch stark je nach Kontext und lässt sich in zwei Formen […]
Kurzgefasst
Reziprozität – also der Grundsatz der Gegenseitigkeit – ist eine soziale Norm und ein zentrales Prinzip in den internationalen Beziehungen, der Diplomatie, im Handel und im Recht. Gemeint ist damit im Kern, dass Handlungen anderer in gleicher Weise erwidert werden. Ihre Bedeutung variiert jedoch stark je nach Kontext und lässt sich in zwei Formen unterscheiden: positive und negative Reziprozität. Positive Reziprozität bedeutet die Erwiderung von Gefälligkeiten oder vorteilhaften Handlungen, während negative Reziprozität darin besteht, Schaden oder nachteilige Handlungen in gleicher Weise zu vergelten.
Oft wird Reziprozität im Sinne reziproker Gerechtigkeit verstanden – „Auge um Auge“ oder „wie du mir, so ich dir“. Im westlichen Diskurs, insbesondere im Verhältnis zu China, bezieht sich die Forderung nach Reziprozität meist auf ausgewogenen und fairen Handel, der internationalen Abkommen entspricht – oft mit dem Verweis auf gleiche Wettbewerbsbedingungen. Chinesische Rhetorik versteht Reziprozität hingegen vor allem als gegenseitigen Nutzen und „Win-win“-Ergebnisse (互惠互利) – Begriffe, die regelmäßig in offiziellen Dokumenten und Stellungnahmen auftauchen.
Die chinesische Führung vertritt die Auffassung, dass Reziprozität differenziert gehandhabt werden müsse und Unterschiede im Entwicklungsstand – etwa gemessen am BIP pro Kopf – berücksichtigen solle. Daraus folgt, dass China aufgrund seines offiziellen Status als Entwicklungsland nicht denselben Maßstäben unterworfen werden dürfe wie entwickelte Volkswirtschaften.
Analyse
Das Konzept der Gegenseitigkeit findet sich sowohl in westlichen als auch in chinesischen Ethiksystemen. Im Westen geht es auf das christliche „Goldene Regel“ zurück, andere so zu behandeln, wie man selbst von ihnen behandelt werden möchte. Eine negative Variante („Was du nicht willst, das man dir tu, das füg‘ auch keinem anderen zu.“) wird den Analekten des Konfuzius zugeschrieben.
Im heutigen offiziellen chinesischen Diskurs ist Reziprozität eng mit Vorstellungen von gegenseitigem Respekt, gegenseitigem Nutzen, Gleichheit und Kooperation verknüpft. Chinesische Funktionäre betonen, dass China in den internationalen Beziehungen einen kollaborativen und weniger konfrontativen Ansatz verfolgt, und stellen Reziprozität als Gegenmodell zum „Nullsummendenken“ oder „Kalte-Kriegs-Mentalität“ dar, die sie dem Westen zuschreiben. Reziprozität bildet wiederum einen Grundpfeiler der Fünf Prinzipien der friedlichen Koexistenz (1954), die in den 1960er Jahren von der Blockfreien Bewegung übernommen wurden. Diese Prinzipien betonen den gegenseitigen Respekt vor Souveränität und territorialer Integrität, Nichtangriff, Nichteinmischung, Gleichheit und gegenseitigen Nutzen sowie friedliche Koexistenz – und spiegeln eine Vision der Welt wider, in der globale Zusammenarbeit einseitigen Vorteilen übergeordnet ist.
Im Umgang mit Partnern aus dem globalen Süden betont China häufig die Reziprozität der Beziehungen, eingebettet in ein Narrativ von gegenseitigem Respekt und gemeinsamer Entwicklung. Dabei präsentiert sich die Volksrepublik als altruistische Anbieterin globaler öffentlicher Güter – im Gegensatz zu den vermeintlich eigennützigen Interessen westlicher Staaten. Dieses Narrativ wird durch die diplomatische Praxis untermauert, die positive Reziprozität hervorhebt, etwa Infrastrukturinvestitionen im Austausch gegen natürliche Ressourcen oder gegenseitige Unterstützung bei politischen Anliegen. Gegenüber Entwicklungsländern, die der chinesische Parteistaat als freundlich einstuft, verzichtet er meist auf Vergeltungsmaßnahmen – etwa bei Anti-Dumping-Zöllen oder anderen Handelsabwehrinstrumenten – und setzt geopolitische Gewinne über wirtschaftliche Interessen.
Im Gegensatz dazu ist Chinas Verhältnis zu liberalen Demokratien, insbesondere zu den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union, häufig von negativen Konnotationen der Reziprozität geprägt. Peking kritisiert regelmäßig den westlichen Druck, die eigene Wirtschaft weiter zu öffnen, und wirft dem Westen vor, von weniger entwickelten Volkswirtschaften reziprokes Handeln einzufordern, ohne selbst vergleichbare Zugeständnisse zu gewähren.
In den Handelsbeziehungen zwischen China und der EU ist Reziprozität ein zentraler Streitpunkt. Während die EU strikte Reziprozität beim Marktzugang und in der regulatorischen Behandlung fordert, beharrt China auf der Berücksichtigung seines Status als Entwicklungsland und plädiert für eine konditionale bzw. eingeschränkte Reziprozität. Dieser grundlegende Dissens wurde insbesondere 2019 deutlich, als die Europäische Kommission erklärte, China nicht länger als Entwicklungsland anzuerkennen, und Pekings Ansprüche auf Sonderbehandlung ablehnte.
In der Klimapolitik beruft sich China auf eine differenzierte Reziprozität, die es als „gemeinsame, aber unterschiedliche Verantwortung“ bezeichnet. Gemeint ist, dass die Industrieländer aufgrund ihres historischen Beitrags zum globalen Emissionsproblem beim Abbau von Emissionen die Führungsrolle übernehmen sollen.
Auch bei Vergeltungsmaßnahmen verweist China ausdrücklich auf Reziprozität, wenn es auf als feindlich betrachtete Schritte reagiert – etwa die Schließung diplomatischer Missionen oder die Verhängung von Sanktionen. Zugleich verneint es in Diplomatie und Handel oft den reziproken Charakter seiner Handlungen, wie bei der Inhaftierung ausländischer Staatsangehöriger oder Einfuhrbeschränkungen für ausländische Waren.
Der Begriff „win-win“ ist ein zentrales Element der chinesischen Diplomatie und bezeichnet den Ansatz, heikle Themen in bilateralen Beziehungen auszuklammern und „ungeachtet der Differenzen nach Gemeinsamkeiten zu suchen“. Dieses Vorgehen steht im Kontrast zur europäischen Perspektive, in der Reziprozität weniger auf Konfliktvermeidung als vielmehr auf ausgewogene Kooperation abzielt.
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