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Freundschaft
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Freundschaft
Kurzgefasst Freundschaft ist ein universelles Konzept, das allen Menschen vertraut ist und in der heutigen digitalen Welt in Gestalt von virtuellen „Freunden“ auf sozialen Medien wie Facebook und WeChat kulturelle Grenzen überschreitet. Die Charta der Vereinten Nationen spricht von der Entwicklung „freundschaftlicher Beziehungen zwischen den Nationen“ auf der Grundlage des „Respekts vor dem Grundsatz der […]
Kurzgefasst
Freundschaft ist ein universelles Konzept, das allen Menschen vertraut ist und in der heutigen digitalen Welt in Gestalt von virtuellen „Freunden“ auf sozialen Medien wie Facebook und WeChat kulturelle Grenzen überschreitet. Die Charta der Vereinten Nationen spricht von der Entwicklung „freundschaftlicher Beziehungen zwischen den Nationen“ auf der Grundlage des „Respekts vor dem Grundsatz der Gleichberechtigung und Selbstbestimmung der Völker“. Der Internationale Tag der Freundschaft der UN soll den Frieden zwischen Völkern, Ländern, Kulturen und Individuen fördern.
Im Diskurs der KPCh ist „Freundschaft“ hingegen seit den 1940er-Jahren auf eine Definition verengt, die den Parteistaat und seine Interessen ins Zentrum rückt. Dieses Verständnis, das auf sowjetische Konzepte zurückgeht, ist untrennbar mit der klaren politischen Erwartung verbunden, Chinas Positionen zu übernehmen. International pflegt der Parteistaat „Freundschaft“ über institutionelle Mittler – etwa Verbände oder Thinktanks –, die staatliche Einflussnahme verschleiern und staatlich gelenkten Austausch als Ergebnis basisgesellschaftlicher Initiative und Konsens erscheinen lassen.
Freundschaft wird dabei zum Ritual und in der staatlichen Propaganda emotional überhöht inszeniert – ein Beispiel ist die 2018 erstmals an Wladimir Putin verliehene „Freundschaftsmedaille“ . Doch hinter der Fassade gegenseitiger Verbundenheit bleiben Beziehungen an die Berücksichtigung von Chinas Kerninteressen gebunden – Freundschaft dient somit eher der Wahrnehmungslenkung als der Überbrückung von Differenzen.
Analyse
Seit Konfuzius sie im 6. Jahrhundert v. Chr. als eine der fünf elementaren menschlichen Beziehungen (五伦) identifizierte, war Freundschaft über Jahrhunderte ein zentrales Thema in Literatur und Denken Chinas. Die heutige politische Adaption des Freundschaftsbegriffs in China geht jedoch unmittelbar auf die Interaktion der KPCh mit der Sowjetunion seit den 1930er-Jahren zurück. Dort führte Stalin 1935 die „Freundschaft der Völker“ (druzhba narodov) als Metapher für eine unter der Herrschaft der Kommunistischen Partei vereinte Vielvölkerordnung ein, was zugleich dazu diente, Dissens und Unterschiede zu unterdrücken. Nach außen stand „Freundschaft“ für Stalins Bemühungen um transnationale Kontakte, vor allem mit der Dritten Welt. Im Kalten Krieg kultivierte die Sowjetunion weltweit aktiv „gute Freunde“ – meist pro-sowjetische Eliten –, um ihre Einflusssphäre zu erweitern. Für die sowjetischen Partner, die häufig an sowjetischen Institutionen ausgebildet wurden, bedeutete Freundschaft, „den sowjetischen Staat und seine Außenpolitik zu akzeptieren und zu unterstützen“. Wer diese Unterstützung verweigerte, galt als Feind.
Vor und nach der Gründung der Volksrepublik China im Jahr 1949 prägte das sowjetische Verständnis von „Freundschaft“ das internationale Engagement der KPCh. Den ersten bilateralen Freundschaftsvertrag unterzeichnete die VR China mit der UdSSR im Februar 1950. Dem ging die Gründung der Chineisch-Russischen-Freundschaftsgesellschaft in Peking voraus, der sich KPCh-Eliten anschlossen, die zuvor in der Sowjetunion studiert hatten. In Nachahmung der sowjetischen Praxis, wie sie in Mittel- und Osteuropa verbreitet war, gründete die KPCh ab den 1950er-Jahren zahlreiche ähnliche Freundschaftsverbände. Wie im sowjetischen Fall implizierte Freundschaft die Akzeptanz und Unterstützung von Chinas außenpolitischer Linie, die sich nach 1954 auf die Fünf Prinzipien der friedlichen Koexistenz stützte. Von da an war „Freundschaft“ eng mit dem Prinzip der Nichteinmischung in Chinas innere Angelegenheiten verknüpft – und ist bis heute Eckpfeiler der chinesischen Außenpolitik. Im offiziellen chinesischen Verständnis bedeutet „Freundschaft“ Sympathie und Unterstützung für Chinas Kerninteressen und politische Ziele – darüber hinaus jedoch sollen sich Freunde aus den inneren Belangen heraushalten.
Chinas heutige Anwendung des Freundschaftsbegriffs stellt eine Weiterführung und Fortentwicklung des alten sowjetischen Konzepts dar. Die KPCh nutzt weiterhin Freundschaftsverbände und ähnliche Austauschformate, um international Sympathie und Übereinstimmung mit Chinas Zielen zu erzeugen – die direkte Rolle des Staates bleibt dabei häufig verborgen. Die zahlreichen Städtepartnerschaften des Landes werden als Instrument gesehen, um durch kulturellen Austausch und lokale Kooperationen übergeordnete diplomatische Ziele zu fördern: wie die China Daily festhält, „sind sie der Schlüssel zu stabilen zwischenstaatlichen Beziehungen“. Auf diplomatischer Ebene sind Freundschaftsbeteuerungen oft Ausdruck von Chinas Bemühen, seine Beziehungen sorgfältig auszutarieren – nicht unbedingt im Sinne von Allianzen, sondern um strategische Ambiguität zu wahren und eigene Interessen voranzutreiben. Deutlich wird dies etwa in der Erklärung einer „grenzenlosen Freundschaft“ zwischen Xi Jinping und Wladimir Putin – eine Beziehung, die in der Praxis klare Grenzen hat, wie Chinas Weigerung zeigt, Russlands territoriale Ansprüche in der Ukraine anzuerkennen.
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