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Frieden
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Frieden
Kurzgefasst „Die Friedensliebe liegt in der DNA des chinesischen Volkes“, hat Xi Jinping, Generalsekretär der KPCh, wiederholt behauptet. Dieses Narrativ des von Natur aus harmonischen, gewaltfreien und gütigen Volkes passt gut zur Überzeugung der Partei, dass sie moralisch stets im Recht ist. In der Charta der Vereinten Nationen wird der Begriff „Frieden“ zwar nicht ausdrücklich […]
Kurzgefasst
„Die Friedensliebe liegt in der DNA des chinesischen Volkes“, hat Xi Jinping, Generalsekretär der KPCh, wiederholt behauptet. Dieses Narrativ des von Natur aus harmonischen, gewaltfreien und gütigen Volkes passt gut zur Überzeugung der Partei, dass sie moralisch stets im Recht ist. In der Charta der Vereinten Nationen wird der Begriff „Frieden“ zwar nicht ausdrücklich definiert, doch wird er im Allgemeinen als ein Zustand verstanden, in dem es keinen Krieg, keine offiziell unterstützten nicht-staatlichen Kampfhandlungen und keine Gewalt gibt. Der Friedensbegriff der chinesischen Führung schließt darüber hinaus soziale Stabilität, „Harmonie“, Entwicklung, Zusammenarbeit und gegenseitigen Nutzen ein – aber auch das Fehlen von Interventionismus und Kolonialismus.
Es ist daher nicht weiter überraschend, dass die Rhetorik der KPCh häufig ihren eigenen „friedliebenden“ Charakter betont. Da die Partei China per definitionem als friedlich und die chinesische Nationalität (oder Rasse) als geradezu genetisch friedliebend charakterisiert, gibt sie sich auch verteidigungspolitisch defensiv. In einer Rede in Berlin im März 2014 sagte Xi, das Streben nach Frieden, Freundschaft und Harmonie sei „integraler Bestandteil des chinesischen Charakters, der tief im Blut des chinesischen Volkes verwurzelt“ sei und „die friedliebende kulturelle Tradition der chinesischen Nation in den letzten Jahrtausenden verkörpere“. In Xis Rhetorik wird Chinas Friedensliebe mit Faktoren erklärt, die mit der chinesischen Ethnie, Tradition und Geschichte zusammenhängen.
Analyse
Mao Zedong lieferte zunächst eine rein ideologische Erklärung. Mao zufolge wollen alle sozialistischen Länder einschließlich Chinas Frieden; „die einzigen, die sich nach Krieg sehnen und keinen Frieden wollen, sind bestimmte kapitalistisch-monopolistische Gruppen in einer Handvoll imperialistischer Länder, die für ihre Gewinne auf Aggression angewiesen sind.“
In dem 2011 veröffentlichten Weißbuch der Regierung mit dem Titel „Chinas friedliche Entwicklung“ wird erläutert, die Basis für Chinas Friedensliebe seien die Lehren, die das Land aus seiner Geschichte gezogen habe: „Das chinesische Volk hat aus seinen leidvollen Erfahrungen mit Krieg und Armut in der Neuzeit gelernt, wie wertvoll Frieden ist und wie dringend notwendig Entwicklung ist.“ Daher beteilige sich China „niemals an Aggression oder Expansion, strebe niemals nach Hegemonie und bleibe eine entschlossene Kraft zur Aufrechterhaltung von Frieden und Stabilität in der Region und der Welt.“
In dem Weißbuch wird zudem betont, wie wichtig die Wahrung der sozialen Stabilität sei, die eng mit Chinas Vorstellung von Frieden verknüpft ist und zu den Kernzielen der KPCh gehört. Somit könnten auch die Unterdrückung friedlicher Protestbewegungen oder gewaltsamer sozialer Unruhen „Friedenssicherung“ sein. Das chinesische Regime betrachtet Frieden und Stabilität als seine Legitimationsgrundlage und verfolgte deshalb die „Farbrevolutionen“ in Georgien, der Ukraine und Kirgisistan in den 2000er Jahren mit großer Sorge. „Friedenssicherung“ bedeutet in diesem Kontext sowohl den Schutz des Regimes vor der eigenen Bevölkerung als auch den Schutz der herrschenden Partei vor tatsächlich oder vermeintlich feindlichen ausländischen Kräften. Diese Bedenken erklären auch, warum China im Rahmen seines allumfassenden Sicherheitsapparats in Technologien zur Massenüberwachung investiert.
Das Weißbuch von 2011 nennt „Modernisierung und gemeinschaftlichen Wohlstand“ als übergeordnete Ziele von Chinas Streben nach „friedlicher Entwicklung“. In seinen Anfang 2020 erschienenen „Gedanken zur Diplomatie“ unterstreicht Xi Jinping, dass China „auf dem Weg der friedlichen Entwicklung auf der Grundlage von gegenseitigem Respekt, Zusammenarbeit und gegenseitigem Nutzen beharrt“.
Die „friedliche Wiedervereinigung“ (和平统一) Chinas ist zudem ein Euphemismus für die Eingliederung Taiwans in die Volksrepublik, wobei impliziert wird, dass die Wiedervereinigung auch auf nicht friedlichem Wege erfolgen könnte, d. h. durch eine militärische Einnahme Taiwans. Tatsächlich hat China zu verstehen gegeben, es sei zum Krieg bereit, falls sich an dem jetzigen Status quo, in dem Taiwan de facto (aber nicht de jure) ein unabhängiger Staat ist, etwas ändere. Mit der Verabschiedung des Anti-Sezessions-Gesetzes im Jahr 2005 stellte China klar, dass es „nicht-friedliche Mittel (…) einsetzen wird, um Chinas Souveränität und territoriale Integrität zu schützen“, sollten „sezessionistische Kräfte (…) die Abspaltung Taiwans von China bewirken“ oder „die Möglichkeiten für eine friedliche Wiedervereinigung vollständig ausgeschöpft sein“.
Unterdessen behauptet die KPCh weiterhin, „der Frieden liegt in der chinesischen DNA“, ihre Verteidigungspolitik sei „defensiver Natur“ und China stelle „keine militärische Bedrohung für irgendein anderes Land“ dar. In dieser Logik ist Taiwan aus Sicht der KPCh kein anderes Land, sondern integraler Bestandteil des Territoriums der VR China. Das von der chinesischen Regierung proklamierte Festhalten an dem „Grundsatz, andere nicht anzugreifen, es sei denn, sie wird selbst angegriffen“, beruht also auch auf der Definition dessen, was ein „Angriff“ ist.
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