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Key Terms: Zivilisation
Kurzgefasst Im Europa des späten 17. Jahrhunderts entwickelte sich der Begriff Zivilisation zunächst als wertende Einordnung zur Betonung des eigenen sozialen Fortschritts. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts wandelte sich der moderne „Zivilisations“-Begriff z…

Kurzgefasst Im Europa des späten 17. Jahrhunderts entwickelte sich der Begriff Zivilisation zunächst als wertende Einordnung zur Betonung des eigenen sozialen Fortschritts. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts wandelte sich der moderne „Zivilisations“-Begriff zu einem Konzept, das verschiedene kulturelle Zentren rund um den Globus anerkannte. Dies spiegelt sich im Kontext der Vereinten Nationen im Statut […]

Kurzgefasst

Im Europa des späten 17. Jahrhunderts entwickelte sich der Begriff Zivilisation zunächst als wertende Einordnung zur Betonung des eigenen sozialen Fortschritts. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts wandelte sich der moderne „Zivilisations“-Begriff zu einem Konzept, das verschiedene kulturelle Zentren rund um den Globus anerkannte. Dies spiegelt sich im Kontext der Vereinten Nationen im Statut des Internationalen Gerichtshofs wider, welches fordert, dass „die Hauptformen der Zivilisation“ im Gericht vertreten sein sollen. 

Ende des 19. Jahrhunderts gelangte der Begriff über japanische Übersetzungen nach China, wo „Zivilisation“ zunächst für Modernisierung und die Abkehr von traditioneller chinesischer Kultur und den kulturellen Traditionen nationaler Minderheiten stand. Seit den frühen 2000er-Jahren jedoch vollzog die kommunistische Führung Chinas eine deutliche Kehrtwende und begann, die traditionelle Kultur als Quelle politischer Legitimität zu nutzen. 

Unter Xi Jinping inszeniert sich die Partei als Erbin einer jahrtausendealten Kultur, die nunmehr in einer neuartigen Form der Modernisierung kulminiert: Modernisierung, die der westlichen überlegen sei, weil sie einen sinisierten Marxismus integriert. China stellt sich zugleich als einzigartige alte Zivilisation und als Alternative zur „westlich-kapitalistischen Zivilisation“ dar und beansprucht damit eine globale Führungsrolle – eine Rhetorik, die Chinas Streben nach einer multipolaren Weltordnung mit dem Inklusionsdiskurs der UN verknüpft.

Analyse

Das Konzept der Zivilisation entstand im antiken Griechenland und in China etwa zur gleichen Zeit, vor rund 2500 Jahren, als Mittel der Unterscheidung zwischen den „zivilisierten“ (eigenen) Kulturen und den „Barbaren“ (den anderen). In seiner modernen Form kam der Begriff im Europa des späten 17. und 18. Jahrhunderts während der Aufklärung auf, wo er eine Gesellschaft mit Gesetzen, Handel, Vernunft und guten Sitten bezeichnete. In der europäischen Kolonialära wurde er jedoch bald wieder in seinem antiken Sinn verwendet – als Rechtfertigung europäischer Eroberungen von vermeintlich minderwertigen Völkern.

Das moderne Konzept gelangte im 19. Jahrhundert in ebendiesem Kontext nach China, als europäische Mächte das Land unter sich aufzuteilen begannen und dies mit Chinas vermeintlich rückständiger Zivilisation rechtfertigten. Chinesische Denker griffen in dieser neuen Situation auf einen alten Begriff zurück – wenming (文明) – und gaben ihm die Bedeutung von  „Zivilisation“ im europäischen Sinne des 19. Jahrhunderts. Bedeutende Intellektuelle griffen so sozialdarwinistische Ideen auf, die Zivilisationen hierarchisch einordneten. Da sie ihre eigene traditionelle Kultur, bzw. ihre „Zivilisation“, als rückständig betrachteten, propagierten sie einen neuen chinesischen Nationalismus, der auf „Wohlstand und Stärke“ (富强) gründete. Seit dem späten 19. Jahrhundert griffen aufeinanderfolgende Regierungen, darunter die Guomindang von 1912 bis 1949, traditionelle Kultur und Religion an – einschließlich klassischer Schriftformen.

Mit dem Machtantritt Mao Zedongs und der KPCh verschwand der Begriff „Zivilisation“ weitgehend aus dem offiziellen Diskurs. Die Partei konzentrierte sich stattdessen auf den Kampf gegen Imperialismus und bürgerliche Einflüsse – im Geiste eines sowjetisch geprägten Marxismus. In der Kulturrevolution (1966–1976) erreichte dies seinen Höhepunkt, als Mao diejenigen verfolgte, die „die Massen mit den alten Ideen, der alten Kultur, den alten Sitten und Gebräuchen der ausbeutenden Klassen verderben“. Konfuzianische Tempel und Schriften wurden zu bevorzugten Zielen. Dieses Jahrzehnt wurde zu einer Orgie kultureller Verwüstung, die der traditionellen chinesischen Kultur irreparablen Schaden zufügte – jener Kultur, die im 21. Jahrhundert wieder ins Zentrum der Legitimität der Partei rücken sollte.

Mit dem Ende der maoistischen Ära 1978 gewann das Konzept der „geistigen Zivilisation“ (精神文明) an Bedeutung – es unterstrich, dass das Land neben materieller Modernisierung auch moralische Entwicklung brauchte, um sozialistische Bürger hervorzubringen, die idealistisch, ethisch, kultiviert und diszipliniert sind. In den folgenden drei Jahrzehnten rückte „zivilisiertes“ Verhalten ins Zentrum staatlicher Kampagnen – von Hygiene im öffentlichen Raum bis zum richtigen Umgang mit dem Internet – koordiniert vom Zentralbüro für geistige Zivilisation. Unter Hu Jintao (2002–2012) wurde dies auch auf „zivilisierte“ Städte und „zivilisiertes“ Online-Verhalten ausgeweitet, wodurch soziale Etikette mit politischer Konformität verschmolz.

Unter Xi Jinping wurde das Konzept der Zivilisation zu einer Synthese kultureller Errungenschaften und Größe erhoben. In der gängigen Lesart reicht Chinas Zivilisation 5.000 Jahre zurück – basierend auf Quellen zur halbmythischen Xia-Dynastie, deren historische Existenz die Regierung aus Gründen zu belegen sucht, die weniger mit Geschichte als mit heutiger Zivilisationspolitik zu tun haben.

Das Ziel ist eindeutig politisch: Die antiken Glanzzeiten sollen die historische Grundlage für die unanfechtbare Legitimität der Partei bilden. Chinas alte Zivilisation wird als ungebrochene Linie bis in die Gegenwart gezeichnet, die in dem mündet, was die KPCh seit November 2021 als „neue Form der menschlichen Zivilisation“ bezeichnet – eine Verbindung traditioneller chinesischer Kultur mit einer neuen marxistischen Moderne. Ihren umfassendsten Ausdruck fand dieses Narrativ in Xis „Globaler Zivilisationsinitiative“ von 2023, die kulturellen Relativismus bei Menschenrechten propagiert und Chinas Zivilisationsmodell als dem westlichen Modernitätsmodell überlegen positioniert – mit dem Anspruch, einen besseren Weg für die globale Entwicklung zu bieten.

How to cite this article:

Bandurski, D. “Civilisation”. In: The Decoding China Project (eds.) The Decoding China Dictionary (2025 ed.), 2025. Berlin: The Decoding China Project. Available from: https://decodingchina.eu/key-term/civilisation/.

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